Opera Italiana > Ruggero Leoncavallo
“La commedia è finita!” (Das Spiel ist aus) mit diesen Worten endet Ruggero Leoncavallos erfolgreichste Oper Pagliacci (Der Bajazzo) und viele Kritiker behaupten, dass auch die Karriere des Komponisten mit dem zackigen Zwirbelschnurrbart nach diesem Paukenschlag endete. Dabei war er nicht nur ein Begründer des Verismo, er schrieb auch die ersten italienischen Operetten. Das Problem war offenbar, dass das Meisterstück Pagliacci schon recht früh in seiner Komponistenlaufbahn auf die Bühnen der Welt kam (1892). Danach waren die Erwartungshaltungen bei den Kritikern und dem Publikum entsprechend hoch.
Geboren wurde Ruggero Leoncavallo am 23. April 1857 im Hause seines Großvaters, einem erfolgreichen neapolitanischen Maler. Sein Vater Vincenzo musste als Richter oft den Arbeitsort wechseln. So konnte die Familie Leoncavallo nirgends wirklich sesshaft werden. Seinen ersten Klavierunterricht bekam der achtjährige Ruggero, der bei seinen Kameraden als Quälgeist und staarköpfig galt, in dem kleinen Ort Montalto Uffugo. Zwei Jahre später siedelten die Leoncavallos in die Metropole Neapel um, wo Ruggero zum ersten Mal die Gelegenheit hatte, ein Operhaus von innen zu sehen. La Traviata und Rigoletto beeindruckten den Jungen sehr. Er wurde Schüler des Konservatoriums San Pietro a Maiella in Neapel.
Nach dem Tod der Mutter, die kurz nach der Geburt des Bruders Gastone gestorben war, stand erneut ein Umzug an. In Bologna schrieb sich der junge Ruggero für ein Literaturstudium an der Universität ein. Bei seinen Studien beeindruckten ihn die Werke des englischen Dichters Thomas Chatterton so sehr, dass er ein Libretto anfertigte und seine erste Oper schrieb. Leider kam es erst viel später zur Aufführung von Chatterton und Leoncavallo musste aus Geldnot nach Neapel zurückkehren.
Auf der Suche nach einer Perspektive verschlug es Ruggero erst nach Ägypten, Marseille und schließlich Paris. In der Stadt an der Seine fand er nach einigen Gastauftritten endlich eine feste Anstellung als Pianist in einem Konzertcafe. Auch diese Anstellung war nur von kurzer Dauer, so dass Leoncavallo aus Mittellosigkeit sogar hungern musste. Ein Engagement im Varieté-Theater Eldorado brachte endlich eine entscheidende Wende. Er erteilte Gesangsunterricht in der Pariser Gesellschaft, was nicht nur Geld in die Tasche brachte, sondern ihm sogar die Tür zur Comédie Francaise öffnete. Leoncavallo traf dort bedeutende Köpfe, wie den bekannten Autor Victor Hugo. Nebenher komponierte er Lieder, die er seinen wohlhabenden Gastgeberinnen widmete. In derselben Epoche fasste Ruggero den Entschluss, Opernkomponist zu werden und machte sich an die Arbeit für I Medici. Er lernte seine zukünftige Frau Marie Rose Jean kennen (Hochzeit 1895), die als Sopranistin unter dem Namen Berthe Rambaud auftrat.
Nach dem Tod seines Vaters (1888) kehrte Leoncavallo mit Berthe nach Italien zurück. Er stellte sich beim Verlaghaus Ricordi vor und präsentierte sein Manuskript für I Medici. Es kam zwar zum Vertrag, aber im Hause Ricordi fand die Oper wenig Wertschätzung. Stattdessen überredete man Leoncavallo am Libretto für Giacomo Puccinis Manon Lescaut mitzuarbeiten. Aus Enttäuschung über die Ablehnung von I Medici verließ er schließlich das Haus Ricordi.
Überaus beeindruckt von Pietro Mascagnis Cavalleria Rusticana machte sich Leoncavallo ans Komponieren der Oper Pagliacci (Der Bajazzo). Im Verlagshaus Sonzogno zeigte man sich sehr beeindruckt und die veristische Oper kam 1892 auf die Bühne. Endlich hatte der nun 35jährige Leoncavallo einen Haupttreffer gelandet. Pagliacci fand den Weg in die Opernhäuser weit über die Grenzen Italiens hinaus. Leoncavallo erhielt endlich internationale Anerkennung.
Nach diesem Paukenschlag konnte sich Leoncavallo wieder auf sein „liebstes Kind“, die Oper I Medici konzentrieren. Rund ein Jahr nach der Premiere von Pagliacci fand die Uraufführung in Berlin statt. Der deutsche Kaiser Wilhelm II. war so beeindruckt von I Medici, dass er eine eigene Oper in Auftrag gab. „Der Roland von Berlin“ brauchte jedoch ein ganzes Jahrzehnt bis er auf die Opernbühne kam. Die Uraufführung fand in Berlin am 13. Dez.1904 unter dem Beifall von Kaiser Wilhelm II. statt. International bleib der Erfolg jedoch aus.
Für Dramatik in Leoncavallos Karriere sorgte ohne Zweifel der Wettstreit mit Giacomo Puccini um die Oper La Bohème. Beide Komponisten sollten eine Oper auf Grundlage des Werkes „Bohème“ von Henri Murger erschaffen. Nüchtern betrachtet gewann Puccini das Duell, denn seine Version kam nicht nur ein Jahr früher auf die Bühne, sie war auch um ein Vielfaches erfolgreicher. Kenner der Szene schätzen jedoch auch Leoncavallos Version sehr, und einige ziehen sie sogar vor.
Nach einem kurzen Ausflug ins Französische mit der Oper Zazà machte sich Leoncavallo im Jahre 1906 zu einer USA-Tournee auf, die er hauptsächlich aus Geldnot unternahm. Die Präsentation seiner Opern im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erwies sich leider als keine gute Möglichkeit, um frisches Geld in die Taschen zu bekommen. Vielerorts machte man sich sogar über das mitgereiste Orchester lustig. Einzig die von Leoncavallo komponierte Hymne Viva l America, die Präsident Theodor Roosevelt gewidmet war, brachte ein wenig Anerkennung.
Die letzten Lebensjahre Leoncavallos verliefen nicht besonders rosig. Obwohl der Maestro viel arbeitete, wollte sich kein nennenswerter Erfolg mehr einstellen. Er selbst beschrieb sich als „sehr fleißig und extrem träge“. Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich zunehmend, was wohl auch an seiner Fettleibigkeit lag. In den schlimmen Jahren des ersten Weltkrieges führte er ein Nomadenleben in Hotelzimmern. Er litt an Harnvergiftung, Venenentzündung und Diabetes. Seine geliebte Villa Myriam in Brissago am Lago Maggiore in der Schweiz musste zwangsversteigert werden. Leider wurde das beeindruckende Haus 1978 abgerissen, um einem Betonwohnblock Platz zu machen. Am 18. Dezember 1904 bekam Leoncavallo das Ehrenbürgerrecht von Brissago verliehen. Dieses nahm der Maestro gerührt entgegen und verkündete sogleich, dass seine sterblichen Überreste eines Tages in Brissago die letzte Ruhestätte finden sollten.
Ruggero Leoncavallo starb im Jahr 1919 in Montecatini. Bei seiner Beisetzung in Florenz erwiesen ihn sowohl Giacomo Puccini als auch Pietro Mascagni die letzte Ehre. Erst 1989 gelangten Leoncavallos Überreste nach Brissago, so wie es sich der Maestro gewünscht hatte.